In meinem Haus sind viele Wohnungen


Das Labyrith von Chartres
Quelle: Wikipedia

    "In meinem Haus sind viele Wohnungen." (Johannes 14, 1-6)

    Liebe Pilger, liebe Gemeindemitglieder.
    Was haben wir da gerade gehört?
    Jesus sagt zu uns: Ich bin der Weg, denn ich bin die Wahrheit und das Leben – einen anderen Weg zum Vater gibt es nicht. Eigentlich unerhört: man könnte meinen, Jesus sagt: nur wenn du zu uns gehörst, alles so machst, wie wir es sagen, dies genau tust und jenes lässt, dann hast du bei Gott einen Platz – aber genau das Gegenteil ist der Fall, denn etwas eher heißt es: 
    In meinem Haus sind viele Wohnungen. 
    Da können wir also doch aufatmen: Unter dem Dach der Einheit ist ausreichend Raum für die Vielfalt, anders formuliert: wir finden hier die in Jesus Christus versöhnte Verschiedenheit unter einem Dach – eigentlich eine wunderbare Umschreibung für die Ökumenische Bewegung, denn Ökumene ist das sichere Wissen um die vielen Wohnungen.
    Wir sind hier zusammengekommen, weil wir uns gemeinsam auf diesen Weg eingelassen haben, der Jesus Christus heißt. Dieser Weg wurde schon oft unterbrochen, er wurde wie durch reissende Bäche unterspült, es wurden auch tiefe Schluchten in den Weg gefressen, auf dem alle Christen gemeinsam unterwegs sind. Ein Weg, der alle verbindet, die im Leben, im Kreuz und in der Auferstehung von Jesus Christus den Grundmaßstab ihres Lebens gefunden haben. 
    Und so passt in diesem Moment die Jahreslosung unserer diesjährigen Wallfahrt: ... und führe zusammen, was getrennt ist.
    Es ist Zeit, über Brücken nachzudenken, sie zu bauen, damit der Weg, die Wahrheit und das Leben in unserer Welt sichtbar werden. 
    Doch wie werden Brücken gebaut?  
    Am Anfang wird erst einmal das Material am Lagerplatz gesammelt – da liegen Brückensteine neben Brückensteinen. Schön eng ordentlich aufgeschichtet, in Bündeln gelagert. Vielleicht fühlen sich diese Steine dabei so richtig wohl: Wellness ist angesagt, auch in der Kirche: Wir kuscheln eng bei einander, werden nicht belastet und fühlen uns dabei richtig wohl – Doch Brückensteine haben eine Aufgabe: sie müssen belastbar sein. Sie sind nicht Selbstzweck. Und es reicht nicht, wenn sie sich auf dem Lagerplatz eng zusammenskuscheln: dann waren sie teuer – und bleiben nutzlos. Erst wenn sie eingesetzt werden, haben sie einen Sinn. Dabei können sie noch nicht einmal selbst entscheiden, wo sie eingesetzt werden. Und es gibt einen großen Unterschied zu denen, die am Ufer auf dem Lagerplatz liegen: Steine am Ufer dürfen zusammen kuscheln, wenn ein Stein aus dem Stapel fällt, passiert nichts gravierendes. Die Steine einer Brücke müssen zusammenhalten, sonst stürzt die Brücke ein.  
    Brücken brauchen auch ein massives Fundament auf jeder Seite, in der Mitte sind sie am dünnsten, am gefährdetsten, am zerbrechlichsten. Die Mitte der Brücke braucht ein starkes Fundament, das trägt. Aber: Ohne diese gewagte Mitte hat die Brücke keinerlei Wert, kann sie ihre Funktion nicht erfüllen.
Und: die Mitte wird am stärksten belastet und hängt – im wahrsten Sine des Wortes – am meisten in der Luft –  Der Brückenbau gelingt nur, wenn die Konfessionen bereit sind, uns zu tragen: um unserer besonderen Aufgabe Willen. Der Brückenbau gelingt nur, wenn wir bereit sind, uns tragen zu lassen und nicht versuchen, das Mittelteil der Brücke sozusagen an einem Lufthaken frei fliegend aufzuhängen – der Einsturz wäre vorprogrammiert. 
    Christen bauen seit über 150 Jahren an der Brücke der Ökumene. Und diese Brücke ist sehr weit fortgeschritten, sie ist fast fertig. Und wenn so lange an einer Brücke gebaut wurde, dann wäre es das Allerdümmste, sie nicht schnellst möglich fertig zu stellen. Und dies ist in der Ökumene nur noch eine Frage des guten Willens und des gewiss nötigen Mutes. 
    Unsere Wallfahrt führt auch die verschiedensten Menschen zusammen – im miteinander Gehen verlieren die Unterschiede jedoch an Bedeutung.  Gemeinschaft ist ein Miteinander in gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe. So ist es auf der Wallfahrt: Rang und Namen, Positionen und Titel spielen keine Rolle. Im gemeinsamen Gehen entsteht Schritt für Schritt eine Gemeinschaft: Menschen öffnen sich füreinander, kommen auch über Themen ins Gespräch, die es im Alltag schwer haben. Manches Belastende kommt zur Sprache und wird aber in der Gemeinschaft mitgetragen. 
    Geht mein Gedanke an die Ökumene zurück, so fällt mir ein weiteres Symbol ein:  das Labyrinth.
    Ein besonders schönes, jedoch oft übersehenes befindet sich in der Kathedrale von Chartres, nicht weit von Paris entfernt. Es ist in den Steinboden eingelassen und hat einen Durchmesser von etwa 12,5 m. Legt man den ganzen Weg durch das Labyrinth zurück, muss man, um in die Mitte zu kommen, etwa 305 m weit gehen.  
    Lasst uns dieses Labyrinth von Chartres in Gedanken betreten und zeichnen wir den Weg zur Mitte nach: Es schein ja immer geradeaus zu gehen, ohne viele Umschweife und Umwege. Man meint auch, alles müsse und werde glatt verlaufen. Nach kleinen Schlenkern in unserem Labyrinth geht es dann wieder schnurstracks weiter. Die Mitte ist greifbar nahe, aber wir umkreisen nur die Mitte und kommen immer tiefer in Irrungen und Wirrungen hinein. Der Weg führt uns in dramatische Biegungen und Krümmungen, die uns immer weiter von der Mitte entfernen. Wo gehe ich eigentlich gerade?, könnte man sich fragen. Wo befinde ich mich eigentlich in diesem Labyrinth? Näher an de Mitte oder mehr an den Rand gedrängt? Und – was ist denn nun meine Mitte?
    Es gibt Zeiten, wo wir näher an der Mitte sind, un Zeiten, in denen wir im Labyrinth weiter von ihr entfernt sind. Und doch: Unsere Wege, alle Wege bleiben, ob wir wollen oder nicht, auf diese Mitte im Sich-Nähern oder Entfernen bezogen. Der Weg hat schon etwas vom Ziel an sich. Es ist so, als ob unsere Wege wir auch immer letztlich um die Mitte kreisen. 
    Was nah und schnell erreichbar scheint, erweist sich als schwieriger, als man anfangs glaubt. Auch in der Ökumene sind wir mal näher dran und mal weiter entfernt von der sichtbaren Einheit der Kirchen. Mal gehen wir auf diese Mitte zu, dann werden wir wieder weiter weggeführt, müssen auf weiteren Umwegen weitergehen. 
    Eines macht das Labyrinth deutlich: Es ist wichtig weiterzugehen. Es ist wichtig, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: die gemeinsame Mitte unseres Glaubens, Christus im Zeichen von Kreuz und Rose. 
    Das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres gibt eine Antwort auf die Suche nach der Lebensmitte, nach Sinn und Ziel. Das Labyrinth drückt diese Antwort mit dem Symbol des Kreuzes im Labyrinth aus. Weg und Ziel stehen im Zeichen des Kreuzes. Es beantwortet die Frage nach der Mitte, nach dem Sinn in der Art einer alten Jüngerantwort: `Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Im Symbol des Kreuzes wird Christus als Sinn, Mitte und Ziel menschlichen Lebens gedeutet. Christus, der von sich sagt: Ich bin der Weg, der aus Sackgassen führt. Ich bin die Wahrheit, die Erkenntnis Gottes bringt. Ich bin das Leben, das den Tod besiegt. 
    Das Labyrinth führt zu einer Mitte, die mit dem Symbol der Rose oder einer Rosette gestalte ist. Die Rose ist von alters her ein Symbol für Christus: Dornen und Blüten für Kreuz und Auferstehung. Die Rose ist auch ein Zeichen der Gemeinschaft Gottes mit uns und untereinander, in der Freude und Leid geteilt werden. 
    Ich habe gelesen, dass an jedem Osterfest im 13. Jahrhundert der Bischof von Chartres und der ganze Klerus dieses Labyrinth mit einem Ostertanz umtanzt haben. Während die Mönche außen um das Labyrinth im Reigen getanzt sind, ist der Bischof das Labyrinth entlanggetanzt und hat den Mönchen einen Ball zugeworfen und sich wieder zuwerfen lassen. Der Ball war das Symbol der österlichen Gnade, die wir auf allen Stationen unseres Lebensweges empfangen können. Nun bin ich kein Bischof und Ihr seid keine Mönche, aber lasst mich in Gedanken Euch einen Ball der österlichen Gnade zuwerfen auf dem ökumenischen Weg zu unserer gemeinsamen Glaubensmitte Christus, damit wir ein Stück weit zusammenführen, was getrennt ist.

© Claudia Müller-Gliemann, Solingen