Und führe zusammen, was getrennt ist.


Foto: Beate Schäpers

Angesichts der aktuellen Diskussionen in der römischen Kirche war es eine mutige Entscheidung, dieses Motto für die Wallfahrt 2012 zu wählen. Nicht nur die Laien, die Texte für die Andachten auf unserem Weg vorbereitet haben, griffen den offensichtlichen  Bezug zu Bestrebungen zur Ökumene auf. Auch Abt Ignatius interpretierte das Wort in seiner Predigt beim Pontifikalamt am Sonntag um 10.00 Uhr auf dem Freihof der Abtei als Aufforderung an jeden Einzelnen, nach seinen Möglichkeiten zu helfen, "die Einheit, die den Christen durch die eine Taufe in Jesus Christus gegeben ist, deutlicher zum Ausdruck bringen.“ (Siehe auch http://www.abteistmatthias.de/ ). Man hätte sich wünschen können, dass er die vielen anwesenden evangelischen Christen – allein zu unserer Gruppe gehört eine stattliche Anzahl –  explizit zur Teilnahme am Abendmahl eingeladen hätte. Aber das lag natürlich nicht nicht im Rahmen seiner Möglichkeiten. 

Linda Heisig konnte dieses Jahr aufgrund einer Krankheit nicht mit nach Trier kommen, aber sie gab ihrem Sohn Stephan den folgenden  Text mit, den er bei einer Andacht in ihrem Namen vorlas. Sie brachte uns besonders die ganz alltäglichen Konsequenzen der Teilung und die persönlichen Hoffnungen auf eine baldige Wiedervereinigung nahe. (ms)


Bei der Bitte " Und führe zusammen, was getrennt ist." denken wir vorrangig an Ökumene, ein Anliegen der meisten Christen schon seit vielen Jahren. Mitten in einer Zeit, in der man eine ernste Krise der überlieferten christlichen Gottesdienstpraxis feststellt, wird der Wunsch nach gemeinsamen Abendmahl immer größer. Die Debatten, ob und wie ein gemeinsames Abendmahl zwischen evangelisch und katholischen Christen sinnvoll vollzogen werden kann, hören nicht auf. Inzwischen wächst eine neue Generation heran und die Probleme werden nicht weniger. Die Familienstrukturen haben sich grundlegend geändert. Es ist keine Seltenheit mehr, dass Ehepaare unterschiedlichen Konfessionen angehören. Spätestens bei der Taufe eines Kindes muss entschieden werden – katholisch oder evangelisch.

So haben Großeltern Enkelkinder, eingebunden in christliche Familiengemeinschaften und trotzdem getrennt im Abendmahl. Bei der ersten hl. Kommunion kommen dann die Fragen der Kinder; warum der eine Kommunion und der andere Konfirmation Jahre später? Solchen und vielen anderen Fragen müssen sich Eltern und Großeltern in unserer Zeit immer öfter stellen und Lösungen finden. Lange Zeit zum diskutieren und debattieren bleibt da nicht.

Die Mitglieder einer konfessionsgemischten Familie möchten miteinander uneingeschränkt an den Gottesdiensten der Kirchen teilnehmen können, zu denen die einen und die anderen gehören. Wir brauchen das Miteinander, um ein lebendiges Christentum zu behalten und wieder zu stärken. Eltern wissen aus Erfahrung, gemeinsame Tischrunden mit gemeinsamen Mahl bieten reichlich Gelegenheit miteinander zu sprechen, zu diskutieren und somit auch die Verschiedenheit eines jeden schätzen zu lernen. Die Gemeinsamkeit der Familien darf nicht verloren gehen. Sie ist ein kostbares Gut.

Es gibt sicher noch viele Situationen im Leben, wo man inständig bitten könnte: „Und führe zusammen, was getrennt ist". Wenn schwere Schicksalsschläge hingenommen werden müssen durch plötzlichen Tod, schwere Krankheit aber auch grundlegende Veränderung eines jugendlichen Kindes. Wenn wir begreifen, dass unser Leben von Freude und von Leid geprägt ist und wir trotzdem das Miteinander halten, hat unser Glaube sichtbare Ausstrahlung. Unsere Wallfahrt zum Grab des hl. Mathias und auch die Wallfahrt zum hl. Rock sind Ausdruck dafür, dass wir auf einem guten Wege sind. Wir erleben, dass Christen unterschiedlicher Konfessionen mehr verbindet, als sie trennt. Was fünfhundert Jahre und länger getrennt ist, kann nicht in kurzer Zeit zusammengeführt sein. Wenn alle Christen guten Willens zu Kompromissen bereit sind und der Herrgott unsere Bitten hört, kann es gelingen. So kann das Christentum wieder zu neuem Leben erstarken.

© Regulinda Heisig, Tönisvorst