Seit 20 Jahren kein Außenseiter

2009 war in vieler Hinsicht ein bemerkenswertes Jahr

für die Sankt Matthias Bruderschaft St. Tönis und wird uns allen noch lange im Gedächtnis bleiben.

Im Vorfeld der Reise hatten die Organisatoren mehr Mühe als gewöhnlich gehabt, die notwendigen Quartiere im Eifeldorf für die rekordverdächtig hohe Zahl von 72 angemeldeten Teilnehmern sicherzustellen, da einige Privat-Unterkünfte auf Grund von Familienfeiern absagen mussten. Die erstmals angekündigte Gruppe von 10 Mädchen und Jungen aus dem Kreis der Messdiener, die es sich nicht nehmen lassen wollte, ihren beliebten, seit kurzem in St. Tönis aktiven Kaplan Dominik Heringer nach Trier zu begleiten, konnte schließlich in der Schule unseres "Heimatdorfs" untergebracht werden.

Das Wetter war dieses Jahr besonders angenehm und genau so, wie man sich es beim Wandern wünscht: trocken, aber nicht zu heiß.

Erstmalig hatten mehrere Mitpilger Instrumente mitgebracht und Musikstücke eingeübt, so dass diverse Andachten und Lieder von einem Orchester aus Geige und Trompete und - in Kirchengebäuden - von Orgel und Klavier unterstützt wurden. Somit übernahm die Musik dieses Jahr eine tragende Rolle im Tagesablauf.

Bemerkenswert war auch, dass ein Pilger sich schon zu Hause einen so schweren Infekt eingefangen hatte, dass er nicht mehr weiter konnte, nachdem er sich tapfer durch eine erhebliche Strecke des Weges gequält hatte. Die mitpilgernde Ärztin beschloss schließlich, dass er mit einem Begleit-Fahrzeug in ein Krankenhaus in Trier gefahren werden musste um eine Infusion zu bekommen, die  seinen gestörten Flüssigkeits-Hauhalt  stabilisierte.


Richard und Michael 2009

... und in diesem Jahr überreicht mir der Brudermeister für die zwanzigste Teilnahme an der Trier-Wallfahrt die Ehren-Kerze, die die St. Töniser Bruderschaft aus eigener Initiative in privater Runde in Dodenburg vergibt, zusätzlich zu den offiziellen Ehrungen in der Basilika zum "Zehnten" und "Fünfundzwanzigsten".

Wenn das kein Grund ist, meine Geschichte als "Trierpilger"  Revue passieren zu lassen...

Es begann im Jahr 1989

Richard Jacobs ist der Brudermeister der St. Töniser Trierpilger. Ich bin seit fünf Jahren mit seiner ältesten Tochter verheiratet und Vater seiner dreijährigen Enkelin Franca. Er erzählte oft von seinen Wanderungen durch die Eifel nach Trier, seinen guten Gesprächen mit den Mitpilgern, die die unterschiedlichsten Gedanken mitbrachten, der schönen Landschaft und der fruchtbaren Gemeinschaft. Natürlich hatte ich reges Interesse an seinem "Lieblingshobby", das er mit meiner Schwiegermutter teilt, die sich eine für mich unerwartete tiefe Frömmigkeit erhalten hat, aus der sie immer wieder die Kraft für ihre vielen sozialen Aktivitäten schöpft. Meine Bedenken, mich als evangelisch aufgewachsener und schon lange kirchenfern denkender Mensch, den am Christentum nur die Aspekte berühren, die die Achtung vor Mitmenschen und Natur betreffen, einer katholischen Pilgergruppe anzuschließen, zerstreute er mit dem Hinweis auf die Toleranz seiner Mitwanderer.


Michael und Franca 1989

Und genau so fand ich es auch vor, als ich tatsächlich mit meiner Tochter das erste mal zu der damals mit 44 Teilnehmern noch überschaubaren  Gruppe stieß.

 

Der harmoniesüchtige Hallelujaclub

Ein "Offizieller" der Kirche nannte vor einigen Jahren die St. Töniser Trier-Pilger einen "harmoniesüchtigen Hallelujaclub". Während mich dieses - vermutlich als wohlmeinende kleine Schmähung gedachte - Wort in meiner Kirchenferne bestätigte, nahmen es die meisten anderen Mitpilger als Ehrentitel in ihren Wortschatz auf, denn es gibt für sie kaum ein schöneres Ziel, das sich eine Gruppe von Christen setzen kann, als das Verständnis unter den Menschen zu fördern und ein "Halleluja" kann durchaus eine Station auf diesem Weg sein. 

So wurde ich überaus herzlich in die Gruppe aufgenommen, obwohl ich damals noch eine unnötige Scheu vor manchen für mich ungewohnten "katholischen" Bräuchen der Pilger an den Tag legte und mich bei den Kirchen-Besuchen draußen auf ein Mäuerchen setzte. Und die Erstpilger-Medallie musste mir der Brudermeister geradezu aufdrängen.


Michael, Franca und die Pilger 2000 (Foto von Horst Schöttler)

Doch die vielen fruchtbaren Gespräche mit den Mitwanderern zeigten immer wieder ein reges gegenseitiges Interesse an den verschiedenen Sichtweisen zu  wichtige Fragen des Lebens, und, wenn auch oft kein endgültiger Konsens gefunden wurde, war doch die Achtung vor dem Anderen und der Wunsch von einander zu lernen und sich gegenseitig weiterzubringen, jederzeit spürbar.

Natürlich trug auch die herrliche Landschaft, die gute Luft und die oft in Phasen der "Stille" gepflegte meditative Stimmung, in der man eigenen Gedanken nachspüren kann, das ihrige dazu bei, die Pilgerfahrt zu einem Erlebnis werden zu lassen.

Aber die Toleranz, die für diese Gemeinschaft nicht im passiven Zulassen sondern im aktiven Aufnehmen besteht, zeigt sich nicht nur an "Ungläubigen" wie mir und den evangelischen Christen, die sich der Gruppe angeschlossen haben, sowie natürlich an denen, die ab und zu durch Worte oder Taten für Verärgerung sorgen, sondern besonders auch an denen, deren Teilnahme überhaupt nur durch die intensive Hilfe der Mitreisenden möglich ist. Für Behinderte, Betagte und Kinder ist jederzeit jemand da, der sie notfalls unterstützen kann. Einige Pilger stellen sich immer wieder gern als Fahrer für die Begleitfahrzeuge zur Verfügung, die für jeden auftretenden Notfall erreichbar sind.

Vor allem die Kinder und Jugendlichen fühlen sich in der undogmatischen Gruppe sehr wohl, so dass die Sankt Matthias Bruderschaft St. Tönis keine Nachwuchssorgen hat.

Und so blieb ich dabei und bin auch nach dem zwanzigsten Mal nicht gewillt auf diese vier Tage im Frühling zu verzichten.

- Michael